Donnerstag, 29. September 2011

ELECTRONICON Firmenchef Klaus Holbe ist "Unternehmer des Jahres 2011"

Die Rückkehr eines Technikers - ELECTRONICON Firmenchef Klaus Holbe erhält Geraer Mittelstandspreis und wird als "Unternehmer des Jahres 2011" geehrt.


Bericht von Fr. Sylvia Eigenrauch, Ostthüringer Zeitung vom 24.09.2011

In der Rubrik "Unternehmer des Jahres gesucht" wird Klaus Holbe vorgestellt, der sich für die Geraer Kondensatorenspezialisten entschied. Der Firmeninhaber verdreifacht fast die Belegschaft des Traditionsunternehmens und schreibt Erfolgs- geschichte.

50 Jahre seines Lebens begleiten ihn die Geraer Kondensatoren. Seit 17 Jahren hat er die Erfolgsgeschichte der Geraer Electronicon Kondensatoren GmbH in seinen Händen. Klaus Holbe, heute 72, hat es geschafft, als einziger der Branche die Produktion nicht in Billiglohnländer auszugliedern.

Überall wo Strom erzeugt, transportiert und umgewandelt wird, geht fast nichts ohne Kondensatoren. In ICE-Lokomotiven, in Windkraft- anlagen, Leuchtstofflampen und Waschmaschinen sind sie verbaut. Kunst oder Biologie wollte der in Merseburg Geborene studieren. Doch gegen seinen Vater, Inhaber eines privaten Install- ationsbetriebes in Schkopau, hatte er kein Argument. Schon als 20-Jähriger absolvierte er die Meisterprüfung für Elektroinstallation und Elektromaschinenbau. In der Entwicklung des VEB Starkstromanlagenbau Halle kam er 1961 erstmals mit Geraer Kondensatoren in Kontakt. Für von ihm entwickelte elektronische Füllstandsmessgeräte und automatische Blindleistungs- kompensationsanlagen - letztere helfen, Elektroenergie einzusparen und Energienetze zu entlasten - hat er sie gebraucht, als er 1962 seinen ersten eigenen Betrieb in Schkopau gründete. Parallel zum Betrieb seines Vaters. Die Lesebrille an einem Bügel in der Hand drehend, erzählt der viel jünger wirkende Unternehmer von der Zeit Ende der 1960-er Jahre, als er Obermeister der Berufsgruppe Elektro war und gedrängt wurde, seinen Betrieb zu verstaatlichen. »Das Maß war voll, als ich von der Polizei wegen einer Geschwindigkeits- überschreitung vorgeladen und von der Stasi empfangen wurde«, erinnert er sich. Auf Industriespionage für die Stasi ließ er sich nicht ein und auch nicht auf staatliche Beteiligung. Nüchtern erzählt er, dass er ein Hafturteil für vier Jahre und sechs Monate erhielt, doch zum Glück nur knapp zwei Jahre in Halle, Cottbus und Berlin inhaftiert wurde. 1975 kauft ihn der Westen frei. In Linsengericht bei Frankfurt am Main steigt er als Techniker in eine Firma ein, die ein Jahr später in den Konkurs geht. Das ist seine Chance. Holbe gründet die System Electric, die heute 25 Leute zählt, und bezieht nach überstandener Sperrfrist für Kontakte in den Osten Geraer Kondensatoren. Von einem »Krimi« spricht er über die Zeit seiner Kaufbemühungen Anfang der 1990-er Jahre. Ob er diese Privatisierungsstory aufschreibt? Er weiß es noch nicht. Zwischen Weihnachten und Silvester 1994 fiel die Entscheidung. Für ihn. 175 Arbeitsplätze versprach er der Treuhand damals.

Heute beschäftigt die Electronicon Kondensatoren GmbH fast 500 Mitarbeiter. Dazu gehören 19 Lehrlinge und 20 Leiharbeiter. In den letzten drei Jahren hat das Unternehmen 13 Millionen Euro investiert. Vor zwei Monaten eröffnete zu den Standorten in der Keplerstraße und in Pforten die Endmontage in Gera-Hermsdorf. Auf 3500 Quadratmetern werden in einer umgebauten Halle Großkondensatoren in prismatischen Gehäusen montiert. Weil der Platz trotz Drei-Schicht-Betrieb nicht reicht, soll noch in der Keplerstraße angebaut werden. Das laufende verspricht das beste Jahr in der Geschichte des Unternehmens seit seiner Privatisierung zu werden. Bei einem Exportanteil von über 70 Prozent wird ein Umsatz von 60 Millionen Euro angestrebt. »Weil wir mit einem guten Auftragspolster gestartet sind«, sagt Klaus Holbe. Von der Erfolgsgeschichte ahnten die Beschäftigten damals nichts. Gut erinnert sich der Mann aus dem Westen an die Skepsis. Erst als er zu einer Weihnachtsfeier erzählte, dass er ein Haus in Aga gebaut hat, wuchs das Vertrauen. In dem Haus wohnt jetzt Walter Bauer. Den heute 57-jährigen Geschäftsführer konnte Klaus Holbe überzeugen, nach Thüringen zu kommen. Längst ziehen beide an einem Strang. »Ich schätze an ihm seine Ehrlichkeit und seine Offenheit. Man kann sich auf ihn verlassen«, sagt Bauer über seinen Chef. Der hat sich seit anderthalb Jahren einen Traum erfüllt und wohnt mit seiner Lebensgefährtin in Obermaiselstein, dem sonnenscheinreichsten Ort Deutschlands am Rande der Alpen. »So richtig habe ich das mit den Sonnenstunden noch nicht prüfen können. Ich bin zu selten dort«. Alle 14 Tage setzt sich Klaus Holbe ins Auto, um im Dreieck zu fahren. Gera, Linsengericht, Oberallgäu. Neben seinen Firmen in Hessen und Thüringen, die ihm allein gehören, ist er an Unternehmungen in China und seit zwei Monaten auch in Indien beteiligt. Obwohl er an der Solarstromeinspeisung verdient, weil auch dort nichts ohne Kondensatoren geht, kritisiert er sie. »Subventionierung ist fast immer etwas Negatives«. Eine Förderung mache nur Sinn, wenn der Erzeuger den Sonnenstrom auch selbst verbraucht. »Wenn man jemanden zwingt, Strom abzunehmen, dann hat das mit Marktwirtschaft nichts mehr zu tun«. Statt dessen spricht er von Planwirtschaft und fühlt sich an seine Kindheit erinnert: damals verkaufte sein Großvater die Eier seiner Hühner für 80 Pfennig das Stück und kaufte sie für 40 Pfennig wieder zurück. Seit 2006 hat Klaus Holbe den Vorsitz des Fachverbandes Starkstromkondensatoren und Netzqualität im Zentralverband Elektrotechnik inne. Die aktuelle Lage vergleicht er mit einer Achterbahnfahrt. »Wir müssen flexibel bleiben«, weiß er.

UPDATE:

Klaus Holbe in Gera geehrt.

Den Geraer Mittelstandspreis »Unternehmer des Jahres 2011« erhält Klaus Holbe. Der 72-jährige Alleingesellschafter der Electronicon Kondensatoren GmbH Gera wurde gestern Abend vom Kreisverbund des Bundesverbandes Mittelständische Wirtschaft als herausragende Unternehmerpersönlichkeit ausgezeichnet. 1994 hatte der heutige Firmeninhaber den Betrieb von der Treuhand gekauft. Sicherte er damals 175 Arbeitsplätze zu, so beschäftigt der führende Kondensatorenhersteller Europas heute 500 Mitarbeiter an drei Produktionsstandorten in Gera. In den vergangenen Jahren investierte das Unternehmen dort 13 Millionen Euro. Im laufenden Jahr wird mit 60 Millionen Euro Umsatz gerechnet, dem höchsten Wert seit der Privatisierung. Der Unternehmer dankte gestern seiner »guten Mannschaft« und sagte, dass er stellvertretend für seine Mitarbeiter die Auszeichnung entgegen nehme.

Bericht von Fr. Sylvia Eigenrauch,

Ostthüringer Zeitung vom 28.09.2011, S.4