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VARIETÉ-SPEZIAL:

Unser Kondensatorenwerk in den 1950ern

Das dritte Spiegelzelt-Varieté im Geraer Hofgut hat dieses Jahr den Rockabilly zum Thema. ELECTRONICON unterstützt diese originelle Veranstaltungsreihe auch 2024, und wir können wie viele andere Geraer die Premiere kaum erwarten.

Bei Rockabilly denken wir an die 1950er Jahre. Was war da eigentlich im Geraer Kondensatorenwerk los? In einer losen Serie zeigen wir interessante Ereignisse und Entwicklungen der 50er Jahre auf.

Das Televisor-Projekt: Kondensatoren für den Export

Im Jahr 1950 produzierte das Kondensatorenwerk erstmals in großen Mengen für den Export: Das Sachsenwerk Radeberg – noch in sowjetischer Hand - stellte nach sowjetischen Bauunterlagen seinen ersten Fernsehapparat „Leningrad T2“ her. Bis 1954 wurden 130.600 dieser „Televisoren“ in die Sowjetunion exportiert; 3000 Geräte landeten immerhin bereits bei Abnehmern in der DDR . Das K-W-G lieferte hierfür hunderttausende von Elektrolytkondensatoren, und blieb auch in den Folgejahren wichtiger Lieferant für den VEB Sachsenwerk Radeberg (später „VEB Rafena-Werke“).

BSG Motor RFT: Fußball

1950 gründete sich im Kondensatorenwerk eine eigene Betriebssportgemeinschaft, die BSG Motor Gera, die 1953 in BSG Motor RFT umbenannt wurde. Finanziert wurden die Aktivitäten aus dem betrieblichen Kultur- und Sozialfonds KSF. Natürlich interessierte die KWG-Beschäftigten neben anderen Sportarten vor allem ihre Fußballmannschaft. Ziel waren grundsätzlich Spiele unter den Betrieben, welche eigene Mannschaften hatten. Über Erfolge in den 50er Jahren wissen wir leider nur wenig (ein 2:1-Sieg gegen Motor Neustadt vor 8000 Zuschauern im Geraer Emil Zapotek-Stadion ist aber dokumentiert).
Immerhin haben wir ein Foto von Spielern aus den 60er Jahren gefunden, geschossen im ungarischen Ferienort Kiszmaros, wo die Mannschaft anlässlich eines Spiels gegen die Mannschaft des ungarischen Kondensatorbetriebs Mechanikai Müvek untergebracht war. Vorn links übrigens Wolfgang Meisgeier, seinerzeit im Betriebsteil Weinbergstraße tätig. Als einer der ältesten aktiven Fußballer Geras trainierte er noch bis ins Frühjahr 2023 regelmäßig mit den Geraer Freizeitkickern. Leider ist er im Herbst 2023 im hohen Alter von 84 Jahren verstorben.

Alles für die Mütter: der betriebseigene Kindergarten

1951 eröffnete am Bahndamm in der Ebelingstraße der erste Betriebskindergarten des Kondensatorenwerkes mit Namen „Liselotte Herrmann“. Zunächst fanden hier rund 60 Kinder eine Betreuung.
Im selben Jahr nahm auch ein eigener Betriebsarzt im Kondensatorenwerk seine Tätigkeit auf. Wir wissen nicht genau, wo sich der Betriebsarzt befand. Er dürfte seine Praxis aber in jenem Gebäude am Ende der Parkstraße (zum Küchengarten hin) gehabt haben, wo sich in den 70er/80er Jahren dann das Betriebsambulatorium befand.

Bereits 1950 entstand die Betriebsbibliothek des Kondensatorenwerks. Ihr anfänglicher Bestand von 377 Büchern war bis 1964 bereits auf 4000 Titel angewachsen.

Eine eigene Betriebszeitung: der „Funke“

Im Januar 1954 erschien die erste eigene Betriebszeitung, herausgegeben von der Betriebsparteileitung der SED. Mitte 1955 erhielt sie den Namen „Der Funke“.

(Wir können getrost davon ausgehen, dass der Name – vordergründig natürlich verbunden mit dem elektrischen Funken – in der Welt von 1954 in Wahrheit angelehnt war an die alte Kampfschrift russischer Marxisten um Lenin, welche 1900 bis 1903 in Leipzig gedruckt wurde: „ISKRA“ heißt zu deutsch „Funke“.)

Neben intensiver politischer Propaganda, allgegenwärtiger Jagd nach Westagenten und Saboteuren, sowie entsprechend konformen Stellungnahmen von „Werktätigen“ des Betriebes fanden sich im E-Funk eine Zeitlang überraschend kritische Äußerungen zu sachlichen Mängeln und organisatorischen Mißständen im Betrieb. Das war insbesondere in der politischen Tauwetterphase zwischen 1956 und 1964 der Fall. Danach wurde die Zeitung allerdings sehr schnell und für immer wieder „auf Linie“ gebracht.
Für uns ist sie heute dennoch eine Fundgrube zu den Ereignissen der damaligen Zeit.

Der Name der seit 2016 wieder bei ELECTRONICON erscheinenden Betriebszeitung „E-Funk“ schlägt eine Brücke zwischen der alten Betriebszeitung und dem „Buschfunk“ als Nachrichtenkanal.)

Hochwasser 1954

Anläßlich des Jahrhunderthochwassers 2012 erinnerten sich ältere Geraer noch an das vorangegangene, mindestens ebenso desaströse Ereignis im Juli 1954. Damals stand auch das gesamte Werksgelände des Kondensatorenwerkes knietief unter Wasser. Neben den Fertigungsstätten betraf dies auch etliche Kondensatorenwerker mit ihren Familien, deren Wohnungen am Kupferhammer in Untermhaus ebenfalls dem Hochwasser zum Opfer gefallen waren. Am Samstagmorgen 5:30 Uhr waren dort kurz nach Auslösung des Alarms Kollegen mit Fahrzeugen der Werks-Kampfgruppe angerückt, um die betroffenen Familien zu evakuieren. Sie erhielten drei Wochen lang Unterschlupf in den Räumlichkeiten des Betriebes, bis ihre Wohnungen wieder getrocknet waren.
Interessanterweise wurden auch sechs Metallarbeiter aus dem ebenfalls hochwassergeschädigten bayrischen Passau als vorübergehende „Hochwasserhilfe für die Brüder und Schwestern im Westen“ bei Kollegen des Kondensatorenwerkes einquartiert. Laut nachträglicher Auswertung in der Betriebszeitung waren die westdeutschen Gäste angeblich sehr überrascht, ja regelrecht begeistert von den voll gedeckten Tischen und der vollkommenen Freiheit in der DDR. Nun ja, das hatte jemand offensichtlich sehr großzügig im Sinne des Herausgebers interpretiert.

Konsumgüterproduktion I: Spielzeug für Geras Kinder

In der DDR waren Industriebetriebe aufgefordert, neben ihren eigentlichen Erzeugnissen auch Konsumgüter anzubieten, um die Versorgung der DDR-Bevölkerung mit Verbrauchsgütern in Schwung zu bringen. So lieferte das KWG für das Weihnachtsgeschäft 1953 Kinderspielzeug in die Geschäfte von HO und Konsum: Turmdrehkräne und Eisenbahnbrücken. Sicher alle völlig frei von Kondensatoren, aber voller Freude für die beschenkten Kinder.

Konsumgüterproduktion II: Das Blitzgerät „Pionier“

Im März 1954 präsentierte das Kondensatorenwerk voller Stolz sein Lampenblitzgerät „Pionier“ auf der Ausstellung „Maschinenbauer auf neuem Kurs“ in der Berliner Stalinallee. Fotoblitzgeräte gehörten von jeher zu den klassischen und dabei anschaulichsten Anwendungen für Kondensatoren: Der helle Blitz im Augenblick des Fotografierens benötigt für den kurzen Augenblick schlagartig eine hohe Energie, die ihm eine Batterie nicht in der gewünschten Form zu liefern vermag. Daher wird ein Kondensator aufgeladen, welcher diesen Energiestoß im gewünschten Moment abgeben kann. Insofern war das Projekt aus Gera sehr naheliegend. Das Blitzgerät aus Gera galt mit „nur“ 2,8 kg (!) für damalige Verhältnisse als bahnbrechend leicht und stieß auf reges Interesse.
Dass am Ende nur insgesamt 1569 Geräte verkauft wurden, lag vermutlich an der nur schleppend in Gang kommenden (und 1956 wieder eingestellten) Produktion, und an der damals gerade einsetzenden Konzentration der DDR-Blitzgeräteproduktion bei ELGAWA Plauen. Und vielleicht hatte doch auch ein wenig der schwergewichtige Preis von 370 DM damit zu tun?

Aufbauhilfe für China

Als die frisch gegründete Volksrepublik China im April 1951 auf dem zweiten Sowjetisch- Chinesischen Gipfeltreffen um die Errichtung einer Großfabrik für die Herstellung von Komponenten für die Rundfunk- und Nachrichtentechnik bat, lehnten die Sowjets zweimal ab. Es fehlte an der nötigen Kompetenz; immerhin war zu diesem Zeitpunkt bereits sowjetische Aufbauhilfe für 156 große Industrieprojekte vereinbart, und das musste nun erstmal reichen. Man empfahl, sich hierfür an die DDR zu wenden. Ostdeutschland verfügte ja damals ohnehin über das bessere Knowhow für elektronische Bauteile.

Für den gewaltigen Betrag von 147 Millionen Renminbi (das war damals etwa so viel wert wie die gleiche Summe heute in Euro ) baute die DDR also zwischen 1954 und 1957 das „Gemeinsame Werk Nr. 718“ im Osten von Peking. Das gigantische Kombinat mit mehr als 16.000 Beschäftigten umfasste vier riesige Produktionszonen, dazu einen Versorgungskomplex und ein Forschungsinstitut, auf einer Gesamtfläche von 500.000 m2. Es suchte im gesamten kommunistischen Block seinesgleichen.

Zu den 44 ostdeutschen Betrieben und Forschungseinrichtungen, welche in die Errichtung einbezogen waren, gehörte auch der VEB Kondensatorenwerk Gera. Und so fanden sich unter den 157 DDR-Ingenieuren, welche zum Aufbau für über ein Jahr nach China entsandt wurden, zehn Spezialisten aus Gera. Neben der eigentlichen Herstellung von Folien- und Elektrolytkondensatoren errichteten sie dort auch Metallisierungsanlagen für die Bedampfung dielektrischer Materialien.
Bereits zuvor waren 17 chinesische Aspiranten ein Jahr lang in den Geraer Labors und Produktionsstätten ausgebildet worden. Eins unserer Bilder zeigt vier von ihnen mit dem des K-W-G- Werksleiter Ehrlich im Mai 1955 während eines Pausenspaziergangs auf der Untermhäuser Brücke.

Die neue Fabrik sollte in erster Linie für die Rüstung produzieren. Daher waren alle damit verbundenen Informationen streng geheim. Und so finden sich in der Betriebszeitung des KWG 1956 und 1957 unter der Rubrik „Post aus Fernost“ zwar regelmäßig Grüße der abkommandierten Kolleginnen und Kollegen an die Mannschaft daheim. Doch sie enthalten stets nur Berichte über Ausflüge und allgemeine Berichte über das „Aufbauwerk des chinesischen Volkes“. Einige Auszüge finden sich in unserer Fotogalerie.

Am 7. Oktober 1957 wurde „Werk 718“ mit Ansprachen des chinesischen Vizepremiers Bo Yibo sowie Erich Honeckers, damals stellvertretender Ministerpräsident der DDR, feierlich eröffnet. Da es aber schon bald danach zum grundlegenden Bruch zwischen China und den Staaten des Sowjetblocks kam, endeten damit auch die Beziehungen zwischen den Kondensatorenwerkern und ihren Aufbaupartnern in China. Für immer.

In den folgenden Wochen erinnern wir hier an weitere interessante Ereignisse aus den 50-er Jahren des Kondensatorenwerks in Gera. Schauen Sie gern wieder auf unsere Seiten und lesen Sie über die Einführung der 45-Stunden-Woche, unsere eigene Berufsakademie und vieles mehr.

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